Auch gemalte Augen können wachsam sein

Für Mike Mathes, den Aktionskünstler, hat ein besonderes Jahr begonnen: 25 Jahre Überleben mit HIV. Zum Auftakt und gleichzeitig zum Amtsantritt des neuen US-Präsidenten malt er gerade "Spiderman schenkt Obama ein Red Ribbon".

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Saarbrücker Zeitung

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Mike Mathes setzt zu seinem Bild "Spiderman schenkt Obama ein Red Ribbon" an. Schüler der ERS Überherrn, darunter (von links) Seline Michler, Venessa Kalz, Jeniffer Nenno und Tobias Altmaier, bezieht er mit ein. Foto: Hartmann Jenal

Barack Obama wird Teil des Bild-Netzes des Saarlouiser Aktionskünstlers Mike Mathes - 25 Jahre Überleben mit Aids-Infizierung

Wäre der Saarlouiser Aktionskünstler Mike Mathes anders ins Leben eingestiegen, dann würde er jetzt vielleicht in einem Atelier sitzen, die Einsamkeit genießen und zeichnen: l'art pour l'art, Kunst - um ihrer selbst willen. Zeichnung, Radierung, Lithografie, das wären unter allen Umständen seine künstlerisch ganz sicher stärksten Seiten. Und manchmal käme ein Kunstinteressent, und einmal im Jahr träfe er sein Publikum bei der Vernissage seiner Ausstellung. Ob er davon leben könnte, bleibt fraglich.

Doch Mathes ging einen anderen Weg. Besser als Weg passt das Bild: Er knüpft sein Netz. Statt zu zeichnen malt er, weil das plakativer ist. Oft in grellen Farben, auffällig, auf immer größeren Formaten, mehrere Quadratmeter. Er geht zum Malen raus aus dem Atelier, macht das Malen zur Aktion, an der sich andere beteiligen. Tausende müssen es inzwischen sein. Viele malten selbst mit. Viele tauchen auf seinen Bildern auf. Ihr Porträt oder ihr Auge. Und Mathes, der Aktionskünstler, lebt davon. Was nur möglich ist, weil sie seine Aktionskunst anerkennen: Schulen, Gesundheitsamt, Bundeswehr, Bildungseinrichtungen und viele Privatleute. Er hat Botschaften. Den Vorwurf von Künstlerkollegen, er mache nicht Kunst um der Kunst willen, sondern um seinetwillen, den erträgt er. "Wie anders soll man auch Kunst machen, als das in den Vordergrund zu stellen, was einen ausmacht?" "Intuitiver Realismus" nennt er, was er tut.
Kettenreaktion, Netze knüpfen, das sind seine eigenen Beschreibungen. Er bleibt mit einer harten Welt in Kontakt, indem er ihr die Verletzlichkeit des Menschen zeigt und die Welt in diese Demonstration verwickelt. Das ist mehr als die Bilder bloß anzuschauen. Es geht ihm allgemein um Würde, um Wahrnehmung. Aber Triebkräfte sind seine eigenen, harten Lebensthemen. Sie kehren auf den Bildern wieder.

Auf zehn Meter langen Bahnen malten er und Schüler der ERS Überherrn rote Schleifen ("Red Ribbons"). Das sind die Zeichen für Solidarität mit HIV-Infizierten und Aidskranken. Die Bahnen wurden vor dem Saarlouiser Rathaus aneinander gereiht. Mathes sucht die Öffentlichkeit. Sie ist sein Medium.
Gestern und heute, am Dienstag, knüpft er in der ERS Überherrn weiter: Zum Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Barack Obama malt er ein Bild "Spiderman schenkt Obama ein Red Ribbon". Dass Obama Spiderman mag, erfuhr Mathes aus der SZ. Spiderman, dieser Spinnen-Superman, sagt Mathes "wirft einem, der vom Hochhaus fällt, ein Netz hinterher. Es fängt auf. Und Spiderman ist ambivalent wie Superman: düsteres Aussehen, aber ein gutes Herz."
Schüler kamen und gingen. Wer Mut hat, kann sich ins Bild malen lassen. Muss "Gesicht zeigen", wie ein seit 25 Jahren laufender roter Faden seiner Arbeit heißt. Gesicht zeigen, eintreten, einstehen. Mathes porträtiert gern: Benazir Bhutto malte er nach ihrer Ermordung, Gerhard Schröder und Ministerpräsident Peter Müller sind auf seinen Bildern.
Das Ergebnis der Kommunikation von Schülern und Künstler von gestern wird dokumentiert und geht ans Weiße Haus.
Im Spiderman-Bild vereint Mathes "Gesicht zeigen", Aktualität, das Netz, das auffängt, und seine eigene HIV-Infektion. "Dieses Jahr ist für mich eine Art Jubiläum: 25 Jahre Überleben mit HIV." Vor 25 Jahren bekam Mathes in Frankfurt die Diagnose Aids. Ein Vierteljahrhundert mit dieser Infektion leben, da gibt es nicht viele.

Seitdem tritt er dafür ein, die Virus-Erkrankung aus dem Schweigen zu holen und bleibt damit selbst im Leben. Er war unter den Ersten, die seit 1984 die Aids-Hilfe organisieren. "Am Anfang konnte keiner die Gefahr abschätzen. Bis dann immer mehr Bekannte um mich herum starben." Er appelliert für mehr Vorsorge. Und er arbeitet ständig gegen gesellschaftliche Ausgrenzung Homosexueller. Die, berichtet er, habe er selbst schmerzhaft erlebt.

Bei ihm selbst sei der HI-Virus durch Medikamente zurückgedrängt. "Mein Immunsystem ist derzeit nicht geschwächt. Der Virus wird von drei Medikamenten gleichzeitig in die Zange genommen. Wie ein Netz." Beschwerden verursachten ihm nur die Nebenwirkungen. "Aber ein Virus kann resistent werden."

"Tausend Augen für Menschlichkeit und Lebensmut" heißt ein anderer roter Faden im Netz von Mathes. Begonnen zu Beginn des zweiten Irakkrieges. Große Augen auf Schirmen und Leinwänden. Mehr als tausend hat er schon gemalt. Die Zahl 1000 leitet er vom so genannten 1000-jährigen Reich ab, einer Bezeichnung für die Nazizeit. 1000 steht für Verletzung und Schmerz, auch fürs Wegschauen. "Hinschauen kann verändern. Das drückt 1000 aus. Das Wort beginnt mit einem harten T und endet mit einem weichen D. Mittendrin ein ,au'. Den Laut versteht man. Er steckt auch in ,Auge'."
Begonnen hat es mit einer Aktion in der Evangelischen Kirche in Saarlouis, mit Augen auf einem großen Fallschirm. Der fängt auf wie ein Netz, der beschirmt mit wachsamem Auge.
Über den Blick, sagt Mathes, "können wir die Seele eines Menschen verletzen. Das Auge ist ein Synonym für das Wesen eines Menschen. Wir glauben, in ihm seine Seele zu erkennen, aber das stimmt nicht." Aber auch: "Augen sollen sehen und offen sein, sie sollen zeigen: Ich bin offen. Ich sehe und will gesehen werden. Augen zu verschließen, kann mal unvermeidlich sein, kann einen Menschen aber auch schuldig werden lassen." Offene Augen als Schutzschirm, als Wachsamkeit, als Erinnerung an die Verletzlichkeit eines Menschen, seiner Haut, seines Wesens, seiner Würde, darum geht es dem Aktionskünstler.
Immer wieder ist er mit diesen Augen-Aktionen, mit Malen, zu Gast auch bei der Bundeswehr, beim Eliteverband Saarlandbrigade. Über die Bilder arbeitet er mit Soldaten am Bewusstsein für die Verletzlichkeit von Würde, den Augen, an "Gesicht zeigen" oder auch am Thema Homosexualität. Dass solche Kunstaktionen beim Militär möglich sind, dürfte einigermaßen einmalig sein.
“Es scheint, dass die Bundeswehr offener geworden ist. Es geht aber auch nur über einzelne Personen, die sich über gewisse Grenzen hinaus bewegen." Mathes mag da das Zeugnis, das er sich und der Bundeswehr ausstellt, durchaus unterschätzen.
Diese Augen sind, wenn man so will, neben seinen Porträts sein Markenzeichen.

Er war keine zehn Jahre alt, als er zu zeichnen anfing. "Für Farben hatte ich kein Geld." Er wuchs weitgehend in Kinderheimen auf. Einem benachbart: Pferde. "Ich zeichnete immer wieder Pferdeköpfe. Nicht aus einem Buch, sondern so, wie ich sie erlebte. Mich hat das beeindruckt. Diese Kraft, die Freiheit, nie hätte ich ein Pferd mit Zaumzeug gezeichnet. Dass es eigentlich Fluchttiere sind, und trotzdem diese Kraft, die sie nicht nutzen, um Schaden anzurichten, um anzugreifen. Irgendwie fühlte ich mich wie beschützt."
"Zeichnen können, das war für mich wie ein Schutzraum. Es war das Einzige, was mir zum Beispiel in der Schule etwas Achtung sicherte."
Mit 18 malte er dann ein blaues Pferd in Öl, roter Hintergrund, das Tier ohne Ohren und ohne Auge. Das Auge schaut, weit abgerückt, scharf aus dem roten, bewegten Hintergrund. Mit diesem Bild bewarb er sich erfolgreich an der renommierten Städel-Kunstakademie in Frankfurt. Es war auch das erste Bild, das er verkaufte. Die Akademie beendete er nicht. Aber er zeichnete und malte weiter. Das Auge blieb. "Aktionskünstler sein heißt, etwas zu bewegen, die Aktualität einzubeziehen. Es heißt aber auch, dass man vorher selbst bewegt worden sein muss." Rastlos darf man ihn wohl nennen. Nicht bloß, "weil ich manchmal nachdenke, wie ich die Heizung bezahlen soll. Es ist wie ein Wettlauf gegen die Zeit. Wie Hase und Igel. Ich arbeite permanent weiter an dem Netz, für mich und für andere."

Mike Mathes lebt seit elf Jahren im Saarland. Sein Atelier ist in Saarlouis Pavillonstr. 45a.
Kontakt: Tel. (06831) 489 61 99.

"Spiderman: düsteres Aussehen, ein gutes Herz."

"Zeichnen können war für mich wie ein Schutzraum."

Mike Mathes,

Aktionskünstler

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